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Zu den Kraftquellen des Yoga



Fortgeschrittenes Atmen im Himalaya – ein Erlebnisbericht

Das klassische System des Hatha-Yoga benutzt an erster Stelle die uns allen gut bekannten Übungen der asanas und des pranayama. Die wiederum sind wichtige Stufen im acht-gliedrigen Weg des Raja-Yoga, dem Weg zum samadhi (Selbsterkenntnis) durch Gedankenkontrolle.

Doch wie genau der Schritt von den Übungen des Körpers und des Atems in den Bereich der inneren Kontrolle des Geistes (pratyahara) und damit zu den drei höchsten Stufen (Konzentration, Meditation, Selbstverwirklichung) des Raja-Yogas geschieht, wird überhaupt erst deutlich, wenn man tiefer in den Bereich des pranayama vordringt und die Theorie und Praxis der Energiekontrolle durch Atemkontrolle versteht.
Der Weg führte mich zum wiederholten Male in den Himalaya, an die Ufer des Ganges. An diesem heiligen spirituellen Kraftort der Yogis liegt das SIVANANDA KUTIR, ein kleiner Ashram der Sivananda Yoga Zentren, eine Perle. Wir, eine Gruppe mutig Praktizierender, beginnen das sadhana, die spirituelle Praxis, mit der Umstellung der Ernährung. Das Essen wird dabei aus dem Bereich der Sinneserfahrung in den Bereich des sattva (Reinheit und Ruhe) gebracht. In den ersten zwei Tagen klagen einige Teilnehmer über Kopf- und Gelenkschmerzen. Die Schlackenstoffe und die aus den Geweben frei werdenden Gifte zirkulieren noch im Blut. Das rein vegetarische Essen ist frisch aus der Gegend und besteht hauptsächlich aus kitcherie (Reis und Linsen), welches ohne Salz und stimulierende Gewürze gekocht wird; dafür verwendet man Kurkuma (Gelbwurz) und Ghee (geklärte Butter). Wurzelgemüse stehen nicht auf dem Speiseplan, sondern leichte Blattgemüse. Täglich wird viel Obst gegessen und eine Tasse heiße Mandelmilch mit Pfeffer und Kardamon getrunken, die das ojas (spirituelle Energie) stärken soll.

Die Umgebung des Himalaya ist von großer Kraft und Schönheit. Das Rauschen des Ganges ist ein allgegenwärtiges und beruhigendes Geräusch. Seit Jahrtausenden üben hier Hatha-Yogis Energiearbeit und Meditation. Die Morgen- und Abendmeditation sowie das Singen der Mantras schaffen den integralen Rahmen und stellen die Verbindung der Hatha-Yoga-Praktizierenden zum Jnana-Yoga (Erkenntnis durch Meditation und Reflektion) und zum Bhakti-Yoga (Bescheidenheit und Hingabe) dar, die sie halten und verstärken.

Der Tag beginnt um 4.00 Uhr mit der Reinigung der Nase mittels Faden und Salzwasser sowie mit dem Quirlen der Bauorgane mit Hilfe der Bauchmuskulatur (Nauli und Agni Sara). Die Praxis des pranayama baut sich Tag für Tag langsam auf und erreicht schließlich eine Dauer von 7 – 10 Stunden pro Tag, je nachdem, in welchem Rhythmus der sadhaka (Praktizierende) übt. Die „Bibel“ der Hatha Yogis ist die Hatha Yoga Pradipika; sie bildet – in der von Swami Vishnu-devananda kommentierten Form – die Grundlage des Kurses. Hier wird höchstes Hatha Yoga-Wissen und die entsprechenden Techniken, es zu erlangen, vermittelt. Dieses „Geheimwissen“ wird nur im Zusammensein von Lehrer und Schüler direkt übertragen, da sich der Lehrer von dem Entwicklungsstand des Schülers überzeugen muss. Da die Techniken sehr kraftvoll sind und direkt auf das Energiesystem des Übenden wirken, kann falsches Praktizieren zu körperlichen und geistigen Schäden führen, die schwer wieder gut zu machen sind. Insbesondere der westliche Schulmediziner verfügt für gewöhnlich über zu geringe Kenntnisse über den Energiekörper, als dass er in einem solchen Fall eine angemessene Behandlung anbieten könnte. Aus diesem Grund wird auch hier über die Gesamtheit der Übungen und nicht über die Übungen im Detail berichtet, um die Prinzipien des Hatha Yoga im Kontext der geistigen Wirkungen aufzuzeigen.

Das ursprüngliche Hatha Yoga ist weit entfernt von der im Westen stärker werdenden Bewegung, Yoga hauptsächlich körperbezogen zu verstehen. Das Verständnis der fortgeschrittenen pranayama-Techniken hilft, unser „Alltags-Yoga“ mit der richtigen Einstellung zu praktizieren. Im fortgeschrittenen pranayama wendet man Praktiken an, die auf einer höheren Schwingungs- bzw. Energieebene ansetzten, aber noch nicht den abstrakten Bereich der Meditation als Hauptthema haben. Durch Reinigung der Nadis (Energiebahnen) zielt pranayama auf die Erweckung potentieller Energie.
Die Hatha-Yoga-Übungsreihe wird dreimal täglich wiederholt und täglich erweitert. Sie beginnt mit dem Rezitieren der Guru-parampara (Übertragungslinie) der Hatha-Yoga-Meister, die in der indischen Mythologie als Ursprung Gott Siva selbst sieht. Es folgen 40 Minuten Sonnengruß (Surya Namaskar) und Asana-Praxis. Nach einer Entspannung reinigen wir die Atemwege durch Kapalabhati. Es folgt eine halbe bis volle Stunde Anuloma Viloma (Wechselatmung), je nach dem individuell gewählten Verhältnis von Rechaka (Einatmung), Kumbaka (Anhalten) und Puraka (Ausatmen) (z.B. 1 : 4 : 2; oder 4 : 16 : 8, oder 8 : 32 : 16) mit den entsprechenden Bandhas (Verschlüssen). Anuloma Viloma gilt als ideales Mittel, die Nadis von ihren Widerständen zu reinigen und bereitet den Körper auf fortgeschrittenes pranayama vor.
Die Fähigkeit, lange und bequem sitzen zu können, ist von Vorteil und wird von Tag zu Tag verbessert. Die nun folgenden Übungen Surya Bheda und Ujjayi aktivieren Pingala Nadi (Energiebahn), so dass sich eine angenehme Wärme ausbreitet. Es wird tönern geatmet und die Zeit des Kumbaka erhöht.
Sitali und Sitkari gelten als kleine Pranayamas; sie stimulieren Ida, den kühlenden Nadi. Brahmari gleicht die beiden Hauptenergiebahnen, Pingala Nadi und Ida Nadi, aus, die geistige Konzentration wandert zu bestimmten Tönen und Chakras (Energiezentren). Auf dieses nun gut vorbereitete Energiesystem des Astralkörpers setzten wir die sehr intensive Übung des Bhastrika, um die potentiellen Energien der pranamaya kosha (Energiekörper) zu wecken. Verschiedene Mudras und Bandhas lenken und führen die vorhandene Energie, die teilweise mit Visualisationen und Bija-Mantras kombiniert werden, zu den entsprechenden Energiezentren.
Der Geist wird ruhig und zufrieden. Das Prana ist der Antrieb der Gedanken. Durch eine gute Kontrolle des Pranas dünnt der Geist aus, und wir empfinden ein inneres Glück, welches nicht durch den Geist oder die Sinne erzeugt wird, sondern welches direkt vom innersten Selbst, dem Atman, entsteht.
Das Selbst wird als Sat-Chid-Ananda beschrieben, und Ananda bedeutet Glück. Der ruhige Geist, der durch Arbeit am Energiekörper entstanden ist, führt uns an die Schwelle zur wahren Innenschau auf das eigene Selbst und damit in die Meditation, in der der Praktizierende zum Seher seines eigenen Selbst wird.
Die Wahrnehmungen des Pranas, die während der Übungen entstehen können, wie das Hören innerer Klänge, das Sehen von Lichtern oder das Erscheinen anderer Siddhis (Fähigkeiten) sind bedeutungslos im Vergleich zu der Zufriedenheit, die aus dem eigenen Selbst entsteht. Das Ziel der Praxis ist durch Patanjali im 1. Kapitel 2.Sutra der Raja Yoga Sutras mit „Yogas chitta-vritti-nirodhah“ (Yoga ist das Zügeln der Aktivitäten des Geistes) aufgezeigt.

Schwer zu beschreiben, zeigt sich doch die Wirkung in dem Gefühl, nichts zu vermissen und zufrieden zu sein. Mein Zimmernachbar drückte sich dazu treffend aus: „Es ist eine großartige Erfahrung, gerade durch die intensive Praxis, wie sich Körper, Geist und Seele zu einer wundervollen Zufriedenheit verschmelzen. Dieses Gefühl ist auf intellektuelle Weise nicht beschreibbar. Es war eine tiefe Erfahrung für mich, zu erkennen, dass man eigentlich nichts vermisst. Ich konnte hier ein derart großes Potential an Prana auftanken, dass ich mit der festen Gewissheit in den Alltag zurückkehre, dass mich nichts mehr erschüttern kann. Was gibt es Schöneres im Leben als Sat-Chid-Ananda (Sein – Wissen – Glück).“

Dieser zweiwöchige Kurs führt uns durch die eigene Erfahrung zurück zu der eigentlichen Ambition der Asanas und des Pranayama, durch die große Kraft der Hatha-Yoga-Techniken Prana und Geist in einen hohen energetischen, ausgeglichenen Zustand zu führen.

Literatur:
Patanjali Maharishi: Raja Yoga Sutras in: Swami Vishnu-devananda: “Meditation und Mantras”, München 1997 Swami Swatmarama: “Hatha Yoga Pradipika”. Zu beziehen über Sivanada Yoga Vedanta Zentren (www. Sivanada.org/berlin)

Autor: © Stefan Datt
Web:
www.yoga-berlin.de

Geschrieben von: Bellemania am 18.07.2008

 
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